Wie gut ist Berlin auf den Katastrophenfall vorbereitet?
Über das Projekt
Für unser Abschlussprojekt haben wir, der 14. Jahrgang der electronic media school (ems), ein neues Format entwickelt: Prepper’s Paradise. Darin checken wir, wie gut Berlin auf den Worst Case vorbereitet ist.
Herausgekommen ist ein YouTube-Format, das tiefgehende Recherche mit leichter Hand erzählt. Das Format funktioniert seriell, für die Pilotfolge haben wir das Thema Blackout gewählt. Welche Folgen hätte ein langanhaltender Stromausfall in ganz Berlin? Und wie ist die Hauptstadt darauf vorbereitet?
Das Szenario
Mal angenommen, in Berlin kommt es zu einem großflächigen Stromausfall – wie sähe das aus?
Bei den Berliner*innen zu Hause gehen die Lichter aus. [1] Auch WLAN und Heizungen fallen aus. Auf den Straßen schalten sich die Ampeln ab [2], es kommt zu Unfällen. Supermärkte müssen schließen, die Kartenzahlung funktioniert nicht mehr. [3]
Kliniken halten mit Notstromaggregaten die Intensivstationen für 24 Stunden am Laufen. [4] Andere Behandlungen müssen abgesagt werden. Besonders gefährdet sind Menschen, die zu Hause beatmet werden müssen. [5]
Wenn der Strom länger als 24 Stunden aus ist, fehlt es den ersten Berliner*innen an Lebensmitteln. [6] In Supermärkten kommt es zu Plünderungen. [7] Der Müll kann nicht mehr abgeholt [8] werden, Abwasser muss ungeklärt in die Spree abgeleitet werden. [9] Nach 36 Stunden kommt kein Wasser mehr aus den Hähnen. [10] Diesel für Notstromaggregate wird knapp. [11] Gewalt nimmt zu, die Polizei ist überfordert. [12]
Unsere Recherche
Es würde quasi nichts mehr funktionieren und darauf sollte man sich natürlich vorbereiten, auch wenn das sehr unwahrscheinlich ist.
Für Berlin wäre ein Stromausfall dramatisch, sagt Albrecht Broemme im Interview mit #ems14. "Das wäre ein Dilemma, vielleicht auch eine Katastrophe", sagt der ehemalige Präsident des Technischen Hilfswerks und ehemalige Leiter der Berliner Feuerwehr.
Die Gründe für einen möglichen Stromausfall sind vielfältig: Schwankungen im Stromnetz, Naturkatastrophen, Cyberangriffe oder auch banale Fehler. In Berlin-Köpenick etwa durchtrennte ein Bagger 2019 ein Kabel und sorgte so für einen mehr als 30-stündigen Stromausfall, von dem über 30.000 Menschen betroffen waren. [14]
Daraus wollte man lernen. Berlins damaliger Innensenator Andreas Geisel (SPD) sagte dem rbb im Jahr 2019:
Wichtig ist, dass wir uns für solche Fälle vorbereiten und dass wir üben, üben, üben.
Wie steht es also sechs Jahre später um den Katastrophenschutz in Berlin?
1. Kaum Übungen für den Ernstfall
Seit 2021 verpflichtet das Katastrophenschutzgesetz die über 30 Berliner Katastrophenschutzbehörden zu jährlichen Übungen. Dazu gehören etwa alle Senatsverwaltungen und Bezirksämter.
Eine Anfrage von #ems14 hat ergeben, dass Übungen oft unregelmäßig durchgeführt werden. Für den ehemaligen THW-Präsidenten Broemme ist das riskant, wie er im Interview mit #ems14 sagt:
Dann wird der erste Fall zur Übung und das geht dann schief. Also ohne Übung wird der Ernstfall zum Problem
2. Wenig Leuchttürme betriebsbereit
Ein zentraler Baustein für den Katastrophenschutz in Berlin sind die sogenannten Katastrophenschutz-Leuchttürme. Das sind 40 Anlaufstellen in der ganzen Stadt, wo die Bevölkerung im Ernstfall Informationen und WLAN bekommen soll. Bisher sind allerdings erst 14 der Leuchttürme betriebsbereit.
Fragt man die Bezirke, woran das liegt, verweisen sie auf fehlende Vorgaben des Senats. Es sei unklar, wann Leuchttürme geöffnet werden sollten, teilt etwa das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg mit. Andere Bezirke sprechen von fehlendem Polizeischutz für das Leuchtturm-Personal oder fehlendem Geld. Der Senat weist auf Anfrage von #ems14 lediglich darauf hin, dass die Bezirke für die Errichtung der Leuchttürme verantwortlich seien.
3. Trinkwasser? Nur begrenzt gesichert
Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) versprechen, die Trinkwasserversorgung mithilfe von Notstromaggregaten für mindestens 36 Stunden aufrechtzuerhalten – zumindest bis in den fünften Stock. Ab einer Höhe von 22 Metern müssten Druckerhöhungsstationen das Wasser hochpumpen. Das ist ohne Strom nicht möglich. [15]
Doch auch 36 Stunden seien zu wenig, sagt Wolfram Geier, Vorstandsmitglied des Deutschen Komitee Katastrophenvorsorge e.V. im Interview mit #ems14. [16] Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz im Katastrophenfall empfiehlt, dass die Trinkwasserversorgung für 72 Stunden aufrechterhalten werden sollte. [17]
Sollte das Trinkwasser ausbleiben, setzt die Stadt auf Trinkwassernotbrunnen [18], sogenannte Schwengelpumpen. Rund 2.000 gibt es in Berlin. [19] Doch ein Viertel der Notwasserbrunnen ist laut Angaben der Stadt nicht funktionsfähig. [20] Zudem liefern nur zwei Drittel der funktionierenden Pumpen Wasser mit Trinkwasserqualität. [21]
Katastrophenschutz bleibt Privatsache
Insgesamt hat die Hauptstadt also noch Nachholbedarf bei der Krisenvorsorge. Danach gefragt, welche Schulnote er Berlin beim Katastrophenschutz geben würde, zögert Experte Albrecht Broemme nicht: "Fünf heißt mangelhaft."
Beim Katastrophenschutz dürfe man sich aber eh nicht auf die Stadt allein verlassen, sagt Broemme. Stattdessen sollten alle Berliner*innen auch individuell vorsorgen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt [22], Vorräte für zehn Tage zu Hause zu lagern: Wasser, Lebensmittel, Taschenlampe, Kurbelradio, Gaskocher und Co.
Über uns
Die Redaktion hinter "Prepper's Paradise" bestand aus Aljoscha Huber, Felix Leitmeyer, Hannah Weber, Hari Sas, Jannis Byell, Pauline Pieper, Sophie Goldau und Viviane Menges.
Pauline Pieper war die Chefin vom Dienst und Hannah Weber die Redakteurin vom Dienst. Felix Leitmeyer hat sich um KI-Videos und die Website gekümmert. Host ist Aljoscha Huber. Für Grafik- und Motiondesign war Marc Trompeter zuständig, für die Webseite Robert Sindermann. Die Leitung des Gesamtprojekts übernahmen Neela Richter und Katrin Röger.
Die Volontär*innen lernen an der ems – electronic media school in 20 Monaten alles, was es für guten Journalismus braucht. Vor allem von Anfang an, verschiedene Ausspielwege mitzudenken und crossmedial zu arbeiten: Audio, Social, Video und Online.
Das Projekt "Prepper's Paradise" bildet den Abschluss ihres letzten Lernblocks. Nach dessen feierlicher Präsentation sind die Volontär*innen des 14. Jahrgangs ab dem 1. Juni 2025 Absolvent*innen der ems.

